ATTA - ATTA
PRESSE
"Lustbetonte Kurzweiligkeit: Der Attaismus ist ausgebrochen - Kunst Kunst !" SPIEGEL ONLINE

"Herausragend !" TIP - Berlin

"Schlingensief schickt Irritationen durch viele Bühnenwindungen und denkt die Sache mit der Kunst so noch einmal szenisch durch, und zwar grundsätzlich ! (...) Ausgefeilte Dramaturgie, viele szenische Ideen und vor allem ein spannungsreicher Soundtrack !" FR

"Schlingensief beharrt mit philosophischer Strenge auf der Unterscheidung der Sphären, die er nur vermengt, um sie miteinander zu vergleichen.(...) Nachdem in einem großen Zirkus noch einmal aller Selbstzerstörungsradikalismus und Größenwahn der westlichen Kunst - inklusive Hölderlin oder Angelus Silesius - herbeizitiert wurde klingt das ziemlich erlöst. Endlich ist das Hirn wieder rein." DIE WELT

"Nach diesem düster meditativen, für seine Verhältnisse fast in sich gekehrten "Atta Atta"-Abend kann man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Schlingensief doch kein kühl spekulierender Trash-Entertainer ist, der seine Marktnische ausfüllt, sondern ein Künstler, dessen Leiden nicht läppisch ist und der sein Heil im seligen Dilettantismus sucht."
DER TAGESSPIEGEL

"Schlingensief zitiert nicht nur die Künstler der Wiener Aktionisten; der ganze Abend hat selbst die Kraft eines Mysterienspiels. (...) Atta Atta" ist der beste Schlingensief, den es je gab." BERLINER ZEITUNG

 

FREITAG, Wochenzeitung vom 7.2.2003

Max Glauner

Wie ein Hund ...
KYNISCHE BILDERSTÖRUNG Anmerkungen zu Christoph Schlingensiefs
»Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen!« an der Berliner Volksbühne

»Was macht der Junge da?« »Kunst.« »Macht er wieder Schweinereien?« »Ja, ich kann gar nicht hingucken!«

Von Diogenes von Sinope, der emblematischen Figur des antiken Kynismus, wird erzählt, er habe, einer Einladung Alexander des Großen Folge leistend, »ho kynos« - das heißt »wie ein Hund« - statt an der Tafel zu sitzen lieber die Reste des Gastmahls vom Boden aufgefressen. Kynische Ökonomie leistet keinen Widerstand gegen ein System, das sich damit nur ein weiteres Mal als Ordnungsmacht bestätigt sähe, sondern inszeniert kalkuliert dessen Widersprüche. Das kann auch so aussehen: Am Sonntag, dem 12. Januar 2002, zehn Tage vor der Premiere von Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen, startet unter Führung Christoph Schlingensiefs ein Trupp deutscher Schauspielprominenz zu einer Tour durch hauptstädtische Edellokale vom Brandenburger Tor bis zum Gendarmenmarkt. Allerdings zu Fuß und ohne was zu trinken. Kaum dass man das Lokal betreten und Platz genommen hat, zwingt Herbert Fritsch zum Aufbruch. Von Station zu Station exaltierter, bricht er schließlich auf den Stufen des Schauspielhauses in Zuckungen aus, die das Sicherheitspersonal zu panischem Einsatz nötigen. Dass drinnen gleichzeitig ein ostdeutscher Ministerpräsident eine Herzattacke bekommen würde, wusste zu diesem Zeitpunkt draußen noch keiner. Dennoch ist spätestens hier in den peinlich berührten Gesichtern abzulesen, dass nicht bei allen Beteiligten der inszenierten Lokal-Prozession volle Klarheit über deren Spielregeln herrscht. Was zunächst hätte aussehen können wie ein Streich gegen Hauptstadt-Talmi, scheint sich für einen Moment gegen die Akteure selbst zu wenden: Das Wozu und Wohin ist plötzlich in Frage gestellt; - es ist ein Moment, in dem man in der Erschöpfung nicht die Schauspieler, sondern die Menschen Hannelore Hoger, Peter Fitz, Margit Carstensen und andere, zu sehen glaubt. »Real« war dieser Moment jedoch nur für wenige zu beobachten. Für ein größeres Publikum wurde er erst zur Atta Atta-Premiere in einem Digitalfilm »Realität«, der parallel zum Bühnengeschehen gezeigt wurde. Mit wackeliger Handkamera aufgenommen, suggerierte er in Schwarz-Weiß-Bildern einen Live-Charakter, der Theater und Film in direkte Konkurrenz treten ließ. Für Augenblicke durchkreuzte die angenervte Unsicherheit der Margit Carstensen, der Hilfe suchende Blick Hannelore Elsners, die ratlose Geste Otto Sanders im Film die brachiale Bühnenpräsenz eines Josef Bierbichler, der unter dem einnehmenden Angelus-Silesius-Singsang Dietrich Kuhlbrodts Holz hackte, als wolle er mit seiner Arbeit verhindern, dass das Theater an unmittelbarer Präsenz und Authentizität gegenüber dem Film verliere. Doch geht es Schlingensief in seinem kynischen Protest gegen die Systeme - mögen es Politik, TV, oder wie zuletzt die Kunstszenen der vergangenen vierzig Jahre sein - nicht darum, gegen diese anzukämpfen oder sie gegeneinander auszuspielen, sondern darum, sie beim eigenen Wort zu nehmen, ihre Deutungsmuster zu prüfen, ihre Machtansprüche zu irritieren, ihre Bilder zu stören, und nicht zuletzt auch darum, Übergänge und Verbindungen herzustellen. Zum Abschluss des Atta Atta-Abends betritt Herbert Fritsch am Ende seiner Odyssee »da draußen« die Bühne »da drinnen«, wie um noch einmal die Grenzen zwischen Leinwand und Bühne zu markieren und zu überschreiten. Diese kalkulierten Risse im Gewebe der unausgesprochenen Vereinbarungen zwischen Produzent, seinem Produkt und dem Publikum, verleihen der Arbeit Christoph Schlingensiefs einen singulären Status. Sie gibt zwar Spielregeln und Orte vor, durchbricht aber eine dramatisch-lineare Ordnung ebenso wie die Bedeutungszusammenhänge des vorgefundenen Materials. Im Gegensatz zu einem bloß zynischen Bildersturm, oder einem zielgerichteten Herostratentum, das auch noch in dem Bild der zusammenbrechenden Türme des WTC die Deutungsmacht des Zerstörten nur bestätigt, geht es bei den Aktionen Schlingensiefs darum, die überkommenen Bilder zu entgrenzen, sie ihres Rahmens zu entledigen. (Wenn Schlingensief in Atta Atta fragen lässt: »Wie kann man darauf reagieren, dass ein paar saudi-arabische Videokünstler 1:0 vorne liegen?«, liegt die Antwort eben nicht darin, Gleichstand herzustellen!) Schlingensiefs Drohung, die Kunst sei »ausgebrochen«, wie ein Krieg auszubrechen drohe, ist daher nur in deren radikalen Entgrenzung zu verstehen. Was Kunst sei, lässt sich mit Schlingensief nur noch in der hemmungslosen Aneignung eines seiner Bedeutung entledigten Trümmerhaufens sehen: Da sich die Kunst seit den späten siebziger Jahren nicht mehr in aufeinander folgenden Avantgarden fortschreiben lässt, ist der Künstler gezwungen, für sich gültigen Ausdruck, ein in sich stimmiges Material und eine richtige Kommunikation zu finden. Das setzt jedoch voraus, dass sich der Künstler der Welt hingibt und aussetzt. Die symbolische Ordnung des (Selbst-)Opfers, das von Schlingensief mannigfach von Hamlet über Tannhäuser bis hin zum scheiternden Talkmaster aufgerufen wurde, findet in einer künstlerischen Praxis, die selbst noch die Autorschaft negiert, ihren realen Hintergrund. So mutet Schlingensief nicht nur sich, sondern allen Mitspielern, zu denen auch der Zuschauer zählt, ob den »Normalen« oder den »Irren«, eine Menge zu, nämlich ungeschützt und mit offenem Visier auf das öffentliche Feld zu treten. Aus der Prozession wird so unversehens ein Exorzismus, die Austreibung des falschen Scheins: Dem medial agierenden, inszenierten Subjekt, in der professionellen Variante dem Schauspieler, stellt er die Möglichkeit eines autonomen entgegen, dem manipulierten Individuum ein emanzipiertes, das sich durch vorgefertigte Bilder und der planlinearen Ordnung eines Textes nicht herstellt. Im Bild gesprochen: Als der Kyniker Herbert Fritsch die Bühne betrat, krachte ohne Verabredung eine frische Schweinehälfte auf die Bühnenbretter - fast hätte sie ihn erschlagen, worauf ihm nach der ersten Schrecksekunde spontan entfuhr: »Noch einmal Schwein gehabt!«

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Berliner Zeitung

Solange erzählt wird, muss niemand sterben

Schlingensiefs Inszenierung über Terror, Kindheit und Kunst hat die Kraft eines Mysterienspiels

Andreas Schäfer

Wie alle Inszenierungen von Christoph Schlingensief ist auch diese eine Aktion, und zu einer Aktion gehört nicht nur das Endprodukt, sondern auch der Prozess. Vor der Volksbühnenpremiere von "Atta Atta. Die Kunst ist ausgebrochen" fand auf den Proben eine Art Seminar statt. Christoph Schlingensief lud die Theoretiker Bazon Brock und Boris Groys und Peter Weibel ein, die im Rahmen eines "Attaismus-Seminars" vor den Schauspielern Vorträge über Terror und Kunst hielten. Schlingensief, bei dem man mitunter den Eindruck hatte, er lebe einzig im Spiegel der Medien, strebt zu neuer Gründlichkeit.

"Der Himmel liegt in dir", sagt jetzt Dietrich Kuhlbrodt, der Chef-Mystiker des Abends, der den Bart des Aktionskünstlers Nitsch trägt, und in "Atta Atta" den Lagerleiter einer Campingkunstkommune gibt, die gleichzeitig Ausbildungslager einer amerikanischen Fliegerstaffel, afghanisches Flüchtlingslager und Arbeitslosenslum sein kann: "Unser Rezessionsangebot: Kohlrouladen im Glas. Nur fünfzig Cent", sagt Dietrich Kuhlbrodt auch. "Atta Atta" ist der beste Schlingensief, den es je gab. Das liegt zum einen an einer gewissen Innerlichkeit, zum Zweiten aber auch an den düsteren Zeiten.

Schlingensief kann mit seinem Diskurstheater nie viel besser sein als der gesellschaftliche Kontext, der ihm sein Material liefert. Als er zum Beispiel die Gründung einer Sonntagszeitung und den Klatsch um diese Gründung auf die Bühne brachte, weil dieses Thema medial gerade hochgekocht wurde, konnte dabei nur Läppisches herauskommen. Jetzt, wo einerseits der Krieg vor der Tür steht und andererseits die gesellschaftlichen Eruptionen kaum mehr unterschwellig zu nennen sind, profitiert er von der neuen Ratlosigkeit und den Fragen nach Sinn, die diese Ratlosigkeit zwangsläufig mit sich bringt.

Atta bezieht sich also einerseits auf den Attentäter vom elften September, gleichzeitig aber auch auf das Reinigungsmittel. Rechts sitzt Fabian Hinrichs mit einer Perücke auf dem Kopf, weil er Inge spielt, die Freundin von Christoph, und fragt: "Wie kann man darauf reagieren, dass ein paar saudiarabische Videokünstler 1:0 vorne liegen?" Links auf dem Sofa sitzt Irm Hermann als Mutter Schlingensief und regt sich darüber auf, dass sie die Flecken nie wieder aus dem Teppich bekommt. "Selbst mit Ata" nicht. Im Hintergrund sieht man dieses Zeltcamp und einen seltsamen Turm, der entfernt an einen KZ-Wachturm erinnert, und auf dem später Schlingensief stehen wird, um Ligeti oder Stockhausen zu dirigieren, nachdem er vorher ein Bild bemalt, es zersägt, sich ausgezogen und mit dem Bild zugedeckt hat.

"Was macht der Junge da?", fragt Josef Bierbichler, der Schlingensiefs fast blinden Vater spielt: "Kunst", sagt die Mutter: "Macht er wieder Schweinereien?" "Ja, ich kann gar nicht hingucken." Später wird der Vater auf den Sohn einprügeln und schreien: "Du machst uns kaputt." Und der verzweifelte Sohn wird schreien: "Es tut mir so leid, dass deine Augen bald explodieren." Und drum herum ist das zu sehen sein, was sonst bei Schlingensief auch zu sehen ist. Videofilme, auf denen dieses Mal die Starschauspieler Otto Sander, Hannelore Elsner und Herbert Fritsch vom Brandenburger Tor Richtung Volksbühne gehen. Und Schlingensiefs Truppe, die Behindertenschauspieler, die in diesem Camp so vor sich hinleben. Ansonsten: arabische Musiksplitter, Fabian Hinrichs, der in einem Wüstenzelt sitzt, ein alter nackter Mann, der darum bittet, von den "Frauen angebrunzt" zu werden. Es werden Symbole aus den unterschiedlichsten Bereichen kombiniert und auf irritierende, bombastische, banale und manchmal auch Ekel erregende Weise in Beziehung gesetzt, wobei die Beziehung eher die Logik eines Traum aufweist.

Das ist wie gehabt. Neu ist, dass Schlingensief dabei nicht mehr geliebt werden will, zumindest nicht vom Publikum. Er ist weniger rhetorisch und steht nicht als Conférencier an der Rampe, der überzeugen, verführen, beeindrucken oder schocken will. Obwohl der Abend von nichts Anderem als von Unsicherheit und Angst erzählt, ist Schlingensief selbst angstfrei. Und das ist er, weil er den Kamikazemut hat, die wahren Adressaten seiner Kunst auf die Bühne zu holen, die Eltern nämlich, zumindest ihre Repräsentanten. Die Anwesenheit der Eltern steigert die Wut und die Ohnmacht und hält die Energie gleichzeitig auf der Bühne.

Schlingensief zitiert nicht nur die Künstler der Wiener Aktionisten; der ganze Abend hat selbst die Kraft eines Mysterienspiels. Rechts versucht der Sohn sich in der Pose des Großkünstlers mit esoterischer Gemeinde und links sitzen im stumpfen Unglück die Eltern. Und keiner dringt zum anderen vor. Es ist alles von einer unglaublichen Vergeblichkeit. Andererseits: Wenn schon die Eltern da sind, kann man auch gleich die Geschichte aller Geschichten erzählen. Schlingensiefs Therapeut mag gesagt haben: "Das ist alles ödipal motiviert." Und jetzt macht Schlingensief Nägel mit Köpfen, reißt die Mutter erst vom Sofa und vom Vater weg und schickt Irm Hermann in den Krieg, also in die Kunst. Zehn Minuten später kommt sie von ihrer Odyssee zurück, breitet glücklich strahlend die Arme aus und sagt: "Die Kunst ist ein Buddhabaum. Ich glaube, ich bin erleuchtet."

Es ist eines der schönsten Bilder des Abends, das vom Vater gleich kaputtgemacht werden muss. "Absolut banal, was du da erlebt hast." Schön und gar nicht banal ist auch der Schluss: Alle Schauspieler stehen still, hinter einer Burka verschwunden, im rötlichen Licht. Irm Hermann sagt: "Man muss Weitererzählen. Solange erzählt wird, muss niemand sterben." Und Josef Bierbichler fragt leise: "War das ein Anfang?" Zu den schrecklichsten Szenen gehört dagegen, wie die von ihm selbst gespielte Figur Schlingensief, als Faun verkleidet, die Figur seiner Mutter in eine Badewanne schleift, sie dann mit Schlamm bewirft und sie schließlich, in einer dem Wahnsinn nahen Selbstvergessenheit, begattet. Nie war Christoph Schlingensief so privat und so ratlos und aggressiv und in seiner ratlosen Aggressivität gleichzeitig zart und liebend. Man sieht an diesem Abend schöne und vor allem furchtbare Dinge, und hinterher fühlt man sich erschlagen wie nach einem Albtraum. Aber näher am Chaos der Wahrheit. Gehet also hin und lasst euch das Herz rausreißen.

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Frankfurter Rundschau:

Nach dem 1: 0
Christoph Schlingensief denkt an der Berliner Volksbühne über Kunst und Terror nach

Von Peter Michalzik
Eine Woche vor der Premiere schickte Christoph Schlingensief - der Theaterregisseur unter den Filmregisseuren, das treuherzigste unter den Schlitzohren - einen kleinen Brief in die Redaktionen: "Hiermit möchte ich sie recht herzlich bitten, nicht zu meiner Premiere zu kommen, da wir sonst nicht denken können."

An dieser Mitteilung ist weniger die Ausladung interessant, die wir natürlich konsequent ignorieren, als vielmehr die Ankündigung zu denken. Seit langem sind Gedanke und Theater eher natürliche Feinde als Brüder im Geiste; die Volksbühne ist, dank Carl Hegemann, dem Allesdenker unter den Dramaturgen, die große Ausnahme.

Im Dezember lud man sich die Deutungshoheiten der Republik als Vordenker ins Haus, Peter Sloterdijk, Peter Weibel, Boris Groys, Bazon Brock und ein paar andere, vor allem Peter Nadas, improvisierten locker und wortmächtig über den Attaismus, das heißt den 11. September und seine Folgen für die Kunst, um es mal unaufgeregt zu sagen. Schlingensief saß dabei, man muss ihn sich hier wohl als Allesfresser vorstellen, der begierig und skeptisch zugleich das Manna der angedachten Großgedanken in sich aufnahm.

Katalysator des Volksbühnenbrainstormings war Karlheinz Stockhausens skandalauslösende Bemerkung, der Anschlag von New York sei "das größte Kunstwerk, das es überhaupt gibt". Auch Schlingensief war von der performativen Seite des Anschlags sofort fasziniert. Und Peter Sloterdijk interpretierte Stockhausen jetzt in der Volksbühne als Äußerung der Eifersucht. "Wenn das Verbrechen den schlagendsten Weg zum Erfolg bahnt, dann ist es die Erfüllung dessen, was sich auch in der Antriebsdynamik des Künstlers befindet." Es geht also tatsächlich und ganz ernsthaft darum, den Attentäter Atta zum Aktionskünstler Atta Atta umzudeuten. Atta und die Seinen seien Medienkünstler gewesen, weil sie mindestens beim zweiten Turm gar nicht anders als in der Gewissheit gehandelt haben können, gefilmt zu werden. Dass das Zeichen, das sie dabei gesetzt haben, das größtmögliche ist, machte - unter ästhetischen Gesichtspunkten - ihre Aktion faszinierend, Stockhausen neidisch und ließ Schlingensief keine Ruhe.

In der Volksbühne schickt Schlingensief diese Irritation nun durch viele Bühnenwindungen und denkt die Sache mit der Kunst so noch einmal szenisch durch, und zwar grundsätzlich. Am Anfang von Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen stehen dabei die Eltern bzw. das ödipale Dreieck: Josef Bierbichler gibt den blinden Vater, Irm Hermann ist die sofakissengleiche Mama, der kleine Christoph Schlingensief wird malender Künstler. Was erst mal so viel heißt wie: Schweinereien machen, also sich an den Schwanz fassen, Kettensägen bedienen oder ordentlich mit der Farbe wüten. Womit die erste brachial-naive Kunstebene (so zwischen Hermann Nitsch und dem frühen Schlingensief) ja bereits erreicht wäre.

Interessanter wird der theatralische Traktat über die Kunst, wenn das traute Heim zerreißt und dahinter ein kruder, etwas schrottiger Drehbühnencampingplatz (von Mascha Deneke) sichtbar wird. Auf einem Hochstand steht der Sohn Christoph hier als artifizielle Ekstase generierender Wagnerdirigent und Pseudojesus, unten sitzt kontemplativ und ganz bei sich ein Mohammedaner. Die Erleuchtung trifft den postchristlichen Abendlandkünstler als Stimme Allahs, die dazu auffordert, sich mit menschlichen Fäkalien beschmutzen beziehungsweise reinigen zu lassen, so wieder sicheren Boden unter den Füßen zu gewinnen und sich auf den Weg nach Mekka zu begeben.
Die Gottheit fließt
So ins Offene gelangt, kann sich die Untersuchung der Kunst als quasireligiöses Ritual entfalten (". . . je mehr kann Gott in dich mit seiner Gottheit fließen", zitiert der Campingplatzlautsprecher Dietrich Kuhlbrodt den erleuchteten Dichter Angelus Silesius), als Mischung aus Christuskraft und Evolutionsprinzip, wie es einmal heißt. Dabei werden verschiedene schamanistische Kunstkonzepte angedacht und -gespielt, Damien Hirst mit Kalb und Schweinehälfte, Beuys mit Margarine, Matthew Barney mit einem weißen, gehörnten Cremaster-Teufelchen. Konterkariert wird das hehre Streben durch die weiter anwesenden Eltern, Bierbichler ist vor allem mit dem Runterdimmen der Überspannung des Sohnes beschäftigt, Irm Hermann bietet sich ihm dagegen bereitwillig als Projektionsfläche an. Und die authentisch-krautige Campingplatzatmosphäre ist auch nicht der übliche Nährboden für Christuskraft - bevor er sich Angelus Silesius zuwendet, bietet der Campingplatzlautsprecher Kohlrouladen im Glas feil.

Dabei ist es wirklich bewundernswert, wie der Bühnenmärtyrer Schlingensief hier den bösen Theaterdämon Langeweile, der sich schon die Hände rieb, weil er diese kunstphilosophischen Untersuchungen in lauter zusammenhanglose Aphorismen zerfallen sah, mindestens eine Stunde lang durch einen ausgefeilte Dramaturgie, viele szenische Ideen und vor allem einen spannungsreichen Soundtrack (Uwe Altmann) bannt. Was manchmal wie eine überquellende Fortsetzung des avantgardistischen Happenings der sechziger Jahre aussieht (hier gebührt der Dank Weibel und Brock), ist aber vielmehr eine Überbietungsliturgie, wo abrasierte Schamhaare und der mehrfach formulierte Wunsch, in einen Mund zu kacken, einem großen Ziel folgen: endlich den Vorsprung auszugleichen, den Atta durch sein Hochhaushappening von Manhattan sauber herausgespielt hat. Ein 1: 0 für irgendwelche saudischen Medienkünstler kann kein wahrer Westartist auf sich sitzen lassen. Für diesen Gedanken gebührt der Dank übrigens Peter Sloterdijk. (Dass der jetzt bevorstehende Krieg auch und vor allem beim Kampf um die Vorherrschaft über die Zeichen für die USA die einzige Alternative darstellt, denken aber erstaunlicherweise weder er noch Schlingensief.) Und - wie geht die historische Begegnung zwischen Atta und Schlinge in Berlin Mitte dann aus? Entkommt Schlingensief wie Atta der Kunst in die
Realität und kehrt dann um so triumphaler ins Reich der Zeichen zurück? Oder versucht er das gar nicht?

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Tip- Magazin
Allah Alaaf!
Christoph Schlingensief feiert eine Ritual-Party mit seinen Eltern, Joseph Beuys, Niklas Luhmann, „Marlene Diederichsen“, Bin Laden, einer Schweinehälfte und  Jackson Pollock: „Atta Atta – Die Kunst ist ausgebrochen“ an der Volksbühne

Im Vorfeld war es wie immer. Es wurde ausgiebig darüber spekuliert, was Schlingensief auf der Bühne wohl mit dem halben Dutzend Hühnern anfangen wollte, die die Volksbühnen-Requisite ihm für sein neues Stück „Atta Atta – Die Kunst ist ausgebrochen“ besorgen musste. Man hörte von Blut-Ritualen und Schlammcatchen. Schlingensief forderte die Kritiker auf, der Premiere fernzubleiben, „weil uns das am Denken hindert“ und suchte Freiwillige, die als nackte Platzanweiser die Aufführung bereichern sollten. Um den Terrorismus und die neue Kunst des „Attaismus“ sollte es gehen, um die Frage, ob der Anschlag vom 11.September als Performance-Kunst durchgehen könnte und um die Burka für den Mann. Kurz, es versprach wieder mal einer der lustig knallenden Schlingensief-Abende zu werden. Aber dann kam alles ganz anders. Was man in der Volksbühne sah, war die Selbstzerstörung und Neuerfindung eines seltsamen Talents. Eine Art Plünderung aller Elemente und Kunststrategien, mit denen Schlingensief in den letzten Jahren die Kunst zu sprengen versucht hatte. Die alten Tricks werden noch einmal ausgestellt und anschließend mit einem leichten Achselzucken vernichtet. Die Grenzen der Kunst, die früher immer niedergerissen werden sollten, werden mit einem trockenen Luhmann-Zitat, das Schlingernsief aus Luhmanns „Kunst der Gesellschaft“ vorliest, wieder ins Recht gesetzt: „Die andere Welt der Kunst kann nur dadurch kommunizierbar bleiben, dass man Referenzen auf unsere eingeübte Welt kappt.“

Die Hysterie ist einer melancholischen Grundstimmung gewichen. Statt sich in der Beleidigung, im Affront, in der Geste der Provokation zu behaupten, riskiert Schlingensief ein nahezu ungeschütztes persönliches Sprechen. Sogar die Szene in der er Irm Hermann, die mit stoischer Größe seiner Mutter spielt, in ein Wasserloch zerrt, mit Schlamm beschmiert und andeutungsweise vergewaltigt („Mama! Mama! Ich habe Dich so lieb!“), hat neben dem robusten Trash-Appeal eine melancholische Grundierung. Auch der ältere Mann, der sich nackt auszieht und kniend wimmert, er würde sich gerne schlagen lassen („Macht mich so richtig fertig, Ihr Säue“), was Schlingensief dann auch übernimmt, nachdem er einen Eimer Farbe über den Knieenden gekippt hat, auch er strahlt weniger den Schock-Appeal des Hardcore-Freaks aus, als eine anrührende Traurigkeit, kaputt und gleichzeitig sehr deutlich seiner wahren Bedürfnisse bewusst. Und plötzlich ahnt man, dass es diesmal bei den härteren Nummern weniger um den Schocker geht, als um eine Art kathartischer Reinigung: Man muss den ganzen Dreck ausleeren, um mit ihm umgehen zu können. Erst wenn die Mutter-Darstellerin mit Schlamm beschmiert und in den Wassertümpel getunkt ist, hat man die Ödipus-Probleme endlich hinter sich. Und erst, wenn man sich auf der Bühne probeweise in Atta, den Attentäter, verwandelt hat („Endlich mal die Kraft der Negation, wie Marlene Diederichsen sagt, mit dem Steuerknüppel in der Hand fühlen“) , kann man sich von den Dämonen des Terrorismus befreien und der Paranoia, der Angleichung an den Feind, der eigenen Verhärtung entkommen. So gesehen ist Schlingensiefs rituelles Trash-Theater der Versuch, einen spielerischen Umgang mit dem realen Schrecken zu erproben. St. Christopherus trägt fern aller Bescheidenheit das Elend der ganzen Welt. Es ist ein harter Job, aber irgendwer muss ihn machen.

Christoph Schlingensief ist Fachmann für Wahnsysteme. Im Selbstversuch stürzt er sich in das Wahnsystem, das er zur Implosion bringen will, sei es das Wahnsystem des Katholizismus oder der eigenen Kleinfamilie, des Terrorismus oder Helmut Kohls Deutschland. Er begibt sich in das Wahnsystem und setzt ihm seinen eigenen Wahn entgegen. Mal schauen, wer am Ende stärker ist. Die Hysterie der Medien hat er im letzten Jahr mit seiner Gameshow-Travestie so hysterisch überboten, dass einem seitdem Günther Jauch und seine Kandidaten immer wie leicht Unzurechnungsfähige vorkommen. Dem Medienwahnsinn der Berliner Republik, einem delirierendem Frank Schirrmacher, aufstiegsorientierten Jungjournalisten und einem in TV-Gewittern gestählten Kanzler setzte er an der Volksbühne mit „Rosebud“ ein Denkmal, das so harmlos war, wie das travestierte Personal. Schlingensiefs eigener Wahn braucht ebenbürtiges Material, um volle Wirkung zu entfalten. Das bot ihm im Sommer letzten Jahres in erfreulicher Fülle Jürgen W. Möllemann. Schlingensief veranstaltete vor dessen undurchsichtiger Düsseldorfer Firma eine Art Voodoo-Ritual („Möllemann, ich verfluche Dich!“) und antwortete auf die Obszönität des antisemitischen Wahlkampf-Flyers mit lustigen Gegenobszönitäten und toten Fischen. Der Politiker reagierte mit Strafanzeigen, aber der Vodoo-Zauber erwies sich als stärker. Wenige Monate nach Schlingensiefs Happening war Möllemann als Politiker erledigt. Jetzt, sagt Thomas Hauschild, der ethnologische Berater der Volksbühne, muss Schlingensief mit einem Voodoo-Gegenzauber Möllemanns rechnen. Für sein neues Stück hat sich der Aktionist das denkbar stärkste unter allen verfügbaren Wahnsystemen ausgesucht: Den islamistischen Terrorismus und seinen westlichen Antagonisten,  den US-Präsidenten.

Wobei es nicht nur um Atta und Busch geht, sondern erst einmal um Christoph Schlingensief und seine Eltern. Die sitzen in Gestalt von Irm Hermann und Josef Bierbichler unter einem Holzkreuz auf einem traurigen Sofa. Weil Schlingensiefs richtiger Vater unter einer Augenkrankheit leidet (O-Ton Schlingensief: „Der hat jetzt den totalen Experimentalfilm“), trägt Bierbichler eine Blindenbrille und dämmert am liebsten fern der Welt vor sich hin. Als der Sohn im Stil Jackson Pollocks Farbe auf eine riesige Kleinwand spritzt, fragt der blinde Alte „Was macht er denn jetzt wieder?“ Irm Hermann antwortet mit tiefster Resignation: „Kunst“. Dann wird das Bild zersägt, der Aktionskünstler Hermann Nitsch (gespielt von dem großartigen Dietrich Kuhlbrodt) kommt zu Besuch und zermatscht zu Zwecken des Performance-Rituals mit bedeutungsschweren Blick ein paar Tomaten und Schlingensief tobt mit einer Motorsäge über die Bühne. Was man hier sieht, ist nichts anderes als die rührend komische Entschuldigung eines liebenden Sohnes für die Zumutungen, die er seinen Eltern einst angetan hat. So viel Ärger! Für so wenig Kunst! Um nichts zu beschönigen, demoliert Schlingensief die elterliche Wohnung, er räumt sie von der Bühne, so dass der Blick auf den dahinter liegenden Campingplatz frei wird.

Bub, meine Augen explodieren, und Du bist daran schuld“, stöhnt Papa Bierbichler. Das Gefühl kennt Schlingensief. Deshalb ruft er irgendwann „Ich möchte hören, wie mir hören und sehen vergeht!“ Dabei sind ihm Musikeinspielungen von Varese und anderen harten Neutönern aufs  schönste behilflich. Aber weil das zum wahren Rausch nicht reicht, muss Wagner her, den Schlingensief mit Blick in die Abenddämmerung auf einer Art Wachturm stehend dirigiert. Rumms! Willkommen im deutschen Kunstgeniewahnsinn. Unter dem Wachturm befindet sich das Campinglager der Aktionskünster, wo dann mal Prozession gespielt, mal ein Hase ans Kreuz genagelt wird. Wie Joseph Beuys einem toten Hasen die Bilder einer Ausstellung erklärt hat, trägt Schlingensief einen toten Hasen durch den Zuschauerraum der Volksbühne und erklärt ihm das Theater. Oder er verwandelt sich gleich ganz in Beuys, mit einem schwarzen Umhang und einem riesigen Hirtenstab, wie ihn Beuys bei seiner berühmten Aktion „I like America and America likes me“ benutzt hat – kleiner, lockerer Verweis auf die Großmacht der Kunst, die es jederzeit souverän mit der Großmacht der Politik aufnehmen kann. Wobei sich über den rituellen Charakter all dieser Aktionen einerseits lustig gemacht wird, aber immer der Wunsch nach so etwas wie echter Transzendenz durchschimmert. Im Wahnsystem der Kunst spiegelt sich der Wahn der Fundamentalisten, die, so die These des Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann im Programmbuch, mit ihrem Anschlag auf das World Trade Center alle Bedingungen wirkungsvoller Medienkunst erfüllten. Das ist Zynismus auf der Höhe der Zeit: Bin Laden als „global agierender Videokünstler“. Am Ende leben noch alle Theaterhühner, nur Herbert Fritsch wäre fast von einer vom Bühnenboden herabfallenden Schweinehälfte erschlagen worden. Niemand hatte ihn über die herabkrachende Fleischeinlage informiert. Auf der Premierenparty hat sich der Schauspieler dann ausgemalt, was für schöne Nachrufe so ein Theatertod ergeben hätte: „Herbert Fritsch von Rampensau erschlagen.“

Peter Laudenbach
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Tagesspiegel vom 25.1.2003

Ja ja ja, nä nä nä
Theater in Zeiten der Kriegsangst: Christoph Schlingensief sucht in Berlin mit „Atta Atta“ nach dem letzten Ausweg. Und Volksbühnen-Chef Frank Castorf findet in Zürich mit Eugene O’Neills modernem amerikanischen Klassiker „Trauer muss Elektra tragen“ die hässliche Kehrseite der Weltmacht. Ein Doppelschlag

Von Rüdiger Schaper

Das tote Schwein wiegt fünfzig Kilo. Es knallt aus zehn Meter Höhe auf die Bühne runter. Viel hat bei der Premiere nicht gefehlt – und das blutige Fleischpaket hätte den wunderbaren Volksbühnen-Schauspieler Herbert Fritsch erschlagen. Er trat einfach zu früh auf. Aber haarscharf daneben ist Gott sei Dank auch vorbei.

Muss man Christoph Schlingensiefs jüngste Performance „Atta Atta – Die Kunst ist ausgebrochen“ nicht genau so betrachten? Als Betriebsunfall, als Anschlag, als ungelenken Selbstverstümmelungsversuch? Satte Melancholie und anarchische Metaphysik prägen an der Volksbühne jetzt die Grundstimmung. Ob bei Frank Castorfs Dostojewski-Video-Expeditionen oder René Polleschs Prater-Séancen – eine schwer zu fassende Religiosität durchdringt die Produktionen, prägt den post-postmodernen Spielplan. Wie Johnny Cash in seinen „American Recordings“ machen sich die alten Chaoten auf die Suche nach dem own personal Jesus.

Schlingensief trägt einen schwarzen Perückenwuschel und eine große, dunkle Intellektuellenbrille. Er bekleckst eine weiße Leinwand, pinselt das Wort Frieden hin und holt die Motorsäge. Zerlegt das Bild und dann das Atelier. „Was macht er da?“, fragt Josef Bierbichler (er mimt Christophs Vater), und Irm Hermann (sie gibt die Mutter) entfährt der Stoßseufzer: „Kunst!“ Das ist beinahe eine richtige Theaterszene. Die rührend-schrecklichen Eltern hocken wie Untote auf der Couch, unterm Kruzifix, und Klein-Christoph bleibt sogleich in der Revolte stecken. Hamlet als Happening-Künstler. Gegen Ende wird er – „Mama, ich hab dich lieb“ – die arme Frau in einem Krötentümpel vergewaltigen, während der Alte sich mit einer Flinte auf die Hinterbühne verzogen hat und nur die schneeweißen Hühner in ihren Käfigen Haltung bewahren und dem Chaos trotzen.

Ja, was macht er da? Muss er sich, als 42-Jähriger, noch immerzu abnabeln? Schlingensief führt einen aussichtslosen Vielfronten-Krieg. Gegen eine bigott-katholische Herkunft – und gegen den Kulturbetrieb. Gegen das Klischee des Provokateurs. Nach diesem düster meditativen, für seine Verhältnisse fast in sich gekehrten „Atta Atta“-Abend kann man sich mit dem Gedanken anfreunden, dass Schlingensief doch kein kühl spekulierender Trash-Entertainer ist, der seine Marktnische ausfüllt, sondern ein Künstler, dessen Leiden nicht läppisch ist und der sein Heil im seligen Dilettantismus sucht.

Was soll uns überhaupt noch Kunst, in diesen Zeiten? „Atta Atta“, das erinnert an Dada-Sprache, an eine Epoche, als sich nach dem Ersten Weltkrieg jeglicher Sinn verflüchtigt hatte. „Atta Atta“ verweist gleichzeitig auf einen Piloten der Terror-Flugzeuge vom 11. September. Martialische Musik krächzt aus Lautsprechern, wie von Minaretten. Joseph Beuys’ Stimme nölt dazu wie ein Muezzin – „Ja ja ja, nä nä nä“. Nachher steht die Schlingensief-Truppe in Burka da, einer Geisterarmee gleich. Man begreift nicht viel. Aber instinktiv versteht man: Die absolute Freiheit der Kunst (und wo wäre die Kunst freier als an der Volksbühne?) stößt ins Leere. Es gibt keine Antworten auf die Fragen, die uns quälen. Nur Ausflüchte.

Sein oder nicht sein? Schwein oder nicht Schwein? Krieg? Bierbichler hackt stoisch Holz. Die Szene ist ein deutscher Campingplatz. Bierbichler, bayerischer Urtyp, weiß virtuos mit der Axt umzugehen. Natürlich ist das pure, mutwillige Verweigerung – von solch einem begnadeten Schauspieler! „Wir machen hier Versuche in Kunst, während in Amerika drüben diese Konzernmarionette, dieses fundamentalistische Führerarschloch eine Pietätlosigkeit nach der anderen seinen feigen Raketen vorausschleudert“, schäumt Bierbichler im Programmbuch.

„Atta Atta – die Kunst ist ausgebrochen“ funktioniert als Demonstration. Ein Manifest der Hilflosigkeit, die freilich jeden Moment in Arroganz und Albernheit umschlagen kann. Ähnlich geht es doch auch bei Harald Schmidt zu: Da spielt er mit seinem Kompagnon eine ganze Sendung lang Schiffeversenken und plaudert so dahin über Krieg und Frieden, als gäbe es weder Quote noch Tote.

Kunst-Terror, Terror-Kunst. Während der Vorstellung läuft ein verwackeltes SchwarzWeiß-Video, das Schlingensief dieser Tage in Berlin gedreht hat. Ein anachronistischer Zug durch die Hauptstadt. Hannelore Elsner, Hannelore Hoger, Otto Sander und Herbert Fritsch suchen Promi-Orte heim. Machen Bambule bei Borchardt und vorm Konzerthaus, attackieren das Adlon. Dieses Filmchen gehört in die Abteilung „Medien und Eitelkeit“, und Schlingensief kritisiert sich selbst in seinem schlampigen Luxus: „Die saudischen Videokünstler führen 1:0 .“

Und dann purzelt die Sau vom Himmel. „Was ist hier los“, schimpft Herbert Fritsch. Man könnte sagen: Hier wurde heute Abend die Kunst zu Grabe getragen. Zwar geschieht das auf den Bühnen dieser Stadt, dieses Landes andauernd. Doch der Unterschied ist, dass Schlingensief das weiß. Und dass er es zum Thema macht. Gnadenlos. So komisch kaputt, dass es weh tut.

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Welt vom 25.1.2003

Alle Fluchtwege aus der Kunst sind versperrt
Im Nostalgie-Zirkus der vergeblichen Avantgarden: Schlingensiefs "Atta Atta" an der Berliner Volksbühne
von Matthias Heine
In der Bergpredigt steht: "Eure Rede aber sei: Ja, ja; nein, nein. Was darüber ist, das ist von Übel." Wenn sich alle daran gehalten hätten, gäbe es keine Kunst. Deshalb war es der Traum vieler Avantgarden, einen solchen binären Code ohne Ornamente und Zwischentöne zu finden, auf dass die Kunst daran genese oder zu Grunde gehe. Malewitschs schwarzes Quadrat auf weißem Grund - was darüber ist, ist von Übel. Am Ende von Christoph Schlingensiefs "Atta Atta" in der Berliner Volksbühne ist endlos eine Stimme von Band zu hören: "Ja, ja, ja, ja, ja. Nee, nee, nee, nee, nee." Nachdem in einem großen Zirkus noch einmal aller Selbstzerstörungsradikalismus und Größenwahn der westlichen Kunst - inklusive Hölderlin oder Angelus Silesius - herbeizitiert wurde klingt das ziemlich erlöst. Endlich ist das Hirn wieder rein.
"Atta Atta" das erinnert aber nicht nur an das Scheuermittel, sondern auch an Dada, die Mutter aller avantgardistischen Grenzverletzer. Und natürlich soll auch des Twin-Towers-Piloten gedacht werden. Schließlich geht es um die Terrorismen der Kunst. Und um die Geburt des Bin-Laden-Videos aus dem Geiste des Oberhausener Experimentalfilms. Zu Beginn der Moderne steht André Bretons Satz, wonach es ein surrealistischer Akt sei, mit dem Revolver wahllos in eine Menschenmenge zu schießen. Doch Schlingensief beharrt mit philosophischer Strenge auf der Unterscheidung der Sphären, die er nur vermengt, um sie miteinander zu vergleichen: Wenn ein Künstler "Mord" sagt, meint er nicht dasselbe wie ein Terrorist. Je terroristischer die Künstler, desto weniger Terrorismus.
Schlingensiefs ganzes Theater war ja immer schon auch ein Essay über verlorene Radikalität und die Vergeblichkeit aller Nichtung von Kunst. Sein Idol Beuys wird mit der Aktion "Iphigenie/Titus Andronicus" in den nahezu musikalisch komponierten 100 Minuten ebenso beschworen wie Hermann Nitsch (Dietrich Kuhlbrodt) oder Jackson Pollock. Schweine fallen vom Himmel, Hasen werden gekreuzigt. Nackte beschmieren sich mit Farbe und Schlamm. Es wird viel über Fäkalien geredet. Das wirkt so rührend altmodisch wie Spitzweg-Bilder. Mit dem Bühnenbild von Mascha Deneke, einem Zeltlager, zitiert Schlingensief sein "Hotel Prora" als Teil dieser abgelebten Kunstprovokationen.
Zu all dem tönt ein E-Musik-Soundtrack der klassischen Moderne bis hin zu - natürlich - Stockhausen. Und auf der Spießercouch hocken immer die Eltern des Künstlers (Irm Hermann, Josef Bierbichler) - ungerührt von krakeelenden dicken Blinden und einem Besuch Bin Ladens (Fabian Hinrichs), der eine singende Plastikmoschee verschenkt. Papa ist ein Oberförster. Mutti lässt sich vom Sohn, der ihr als weiße Hirschkuh erscheint, zum Fäkalbad verführen. Zum Schluss pflückt Irm Hermann rasch wieder ihre Handtasche von Sofa. Der Ausflug in den schamanistischen Rausch ist beendet.
Auf der Simultanbühne läuft parallel ein Videofilm. Am Ende erweckt dessen Darsteller Herbert Fritsch den Eindruck, er sei mit Hannelore Hoger, Otto Sander & Co vom Brandenburger Tor zur Volksbühne gewandert. Dann monologisiert er über die Unmöglichkeit, bei Schlingensief zu spielen. Es gerät zum Virtuosenstück. Auch die Behinderten agieren so professionell, dass sie Schmiermittel statt Sand im Getriebe sind. Alle Fluchtwege aus der Kunst sind versperrt.
Termine: Heute, 31. Januar, Karten: (030) 247 67 72.
Artikel erschienen am 25. Jan 2003

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Neues Deutschland
Nicht bösartig, eher beuysartig
Christoph Schlingensief in der Berliner Volksbühne: "Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen"

Von Hans-Dieter Schütt

Es geht um Grundfragen, wie etwa den Wunsch, Schamhaare zu rauchen. Auch ein Wiener Würstchen spielt in dem Zusammenhang mit. Von sehr weit oben kracht ein halbes blutiges Schwein auf die Bühne. Das Huhn im Käfig erschrickt. Und der grandios tobende Herbert Fritsch im total verschmierten guten Anzug sagt: "Blöde Sau!", meint aber wohl den Christoph. Natürlich findet auch ein kleines Kettensägenmassaker statt, das Schlingensief ja in den deutschen Film einführte. Eine Leinwand wird bemalt, beworfen, zerstochen, darauf steht das Wort "Frieden". Während ein sehr dünner Mensch in eine Farbtonne steigt, nackt natürlich. Schlingensief steht auf einem Hochsitz und dirigiert Wagner. Josef Bierbichler, der Schlingensiefs sehr bauchigen und fast blinden Vater spielt, sucht entweder seine Koma-Tabletten oder er hackt betörend leichthändig Holz ("Sie können sich meinem Können nicht entziehen!"); zum Schluss malt er die drei Blindenpunkte an den Hackklotz. Irm Hermann als Schlingensiefs Mutter liegt in einer Badewanne, wird reichlich mit Schlamm eingedeckt, und der Sohn schleift sie herum. Da ist noch Inge, die es satt hat, dass seit dem 11. September saudi-arabische Medienkünstler 1:0 führen. Und dann träumt sie noch davon, uns in den Mund zu kacken. Inge ist übrigens ein Mann, was aber recht unerheblich ist. Während dieser Mann, der Inge heißt, aus der Kunst desertieren und ins Reale überlaufen möchte, hebt Schlingensiefs Mutter erfreut eine Kunstblume hoch: "Mich hat die Kunst erfasst." Die Lagerleitung auf einem Campingplatz ruft zum Drei-Tage-Spiel auf. Es findet auch ein kollektiver Kampf gegen eine mannshohe Lacktube statt, während auf der Leinwand links und rechts der Bühne Herbert Fritsch die Treppen des Schauspielhauses am Gendarmenmarkt herunterrollt. Oder von Bodyguards einer Gala hinuntergestoßen wird? Es geschieht in einem technisch schreiend dilettantisch gedrehten Stummfilm, der während der gesamten Aufführung läuft und Schauspieler wie Hannelore Hoger, Hannelore Elsner, Margit Carstensen, Peter Fitz und Otto Sander zeigt, wie sie durchs nächtlich-mondäne Berlin-Mitte irren, fliehen, hetzen, stolpern. Ja, ja, ja; nee, nee, nee - so klingt es sehr beuysartig und minutenlang aus dem Off. Einer spielt den Blutmaler Hermann Nitsch und drückt am Körper Tomaten aus, um sich selbst auszudrücken. Im Wohnzimmer der Schlingensiefs sitzt auch Onkel Willi, oder ist es Osama Bin Laden, der von der DDR erzählt? Bierbichler fragt jedenfalls, ob das alles denn so ausgemacht sei. Irgendwann heißt es, Allah sei wohl beim Zahnarzt, und Schlingensief ist ein Hirsch. Auf besagtem Campingplatz wird auch scharf dauergefragt: Wo kann man hier pimpern? Und wo nicht? Jetzt kündigt die Lagerleitung den Beginn des Acht-Tage-Spiels an. Ku-Klux-Klan-Kopftüten tauchen auf. Einer wird geprügelt, bis er "Schönheit" sag. Der kümmert sich aber gerade um den Stoffhasen, dem Beuys einst die Kunst zu erklären versuchte. Zum Schluss sitzen die geistig Behinderten, die bei Schlingensief immer so souverän aufspielen, auf dem Sofa und müssen regelrecht gezwungen werden, hinter den eisernen Vorhang zu gehen; neuer Auftrag: "Kommt, wir gehen die Welt verändern!"
So. Reicht's?
"Atta Atta - Die Kunst ist ausgebrochen", so heißt das neue Stück von und mit Christoph Schlingensief, das an der Berliner Volksbühne Premiere hatte. Es erzählt Schlingensiefs Drama, also das eines unverstandenen Kunst-Sohnes, und zeigt einen Teletubbie-Campingplatz der chaotischen Selbstfindungen nach dem 11. September 2001 ("Keine Schmerzen, keine Irritationen, keine Verpflichtungen!" bejubelt einer seine eigene Verfassung, "dafür ist Atta in den Turm gesprungen"). Aus einem Wust von schmutzverliebten Eingebungen, mit denen man alles machen darf außer: sie werten zu wollen,

Ich bekomme jetzt alle möglichen Anfragen, etwas gegen den Krieg zu unterschreiben. Da bekomme ich Hautausschlag, von diesen guten Menschen, die sich ihrer Gutheit versichern ... In der Freiheit des Machens liegt die Verantwortung, die ich als Künstler habe und die Lust. Die lasse ich mir nicht nehmen.
Ch. Schlingensief
leuchten blitzgescheit närrische Ratlosigkeiten hervor. Schlingensiefs Problem besteht darin, dass seine Theorie weit spannender ist, als es deren theatralischer Nachvollzug auch nur in Ansätzen sein kann. Es gibt keine wirklichen Verbindungslinien zwischen dem Jahrtausende alten Konsumtionsverhalten des Theaterzuschauers, der etwas sehen und "mitnehmen" will, und jenen Autisten auf der Bühne, die Spiel als Selbstbefreiung feiern. Erst wer nach fast zwei Stunden diesen Schmuddelspielplatz verlassen hat, weiß um den tiefen Ernst von Schlingensiefs Vorab-Bitte, nicht zur Premiere zu kommen, da dies beim Denken störe.
In einem von Carl Hegemann herausgegebenen Begleitbuch äußern sich Peter Sloterdijk, Boris Groys, Bazon Brock, Peter Weibel, Peter Nádas, Josef Bierbichler, Thomas Hauschild zum "Attaismus". Ein herrlicher Begriff, der das umfasst, was als Kindersprache beginnt und bei Mohamed Atta (vorläufig) endet. Die Welt wird nicht rein. Trotz Atta. Und Schlingensiefs Mutter kriegt die Flecken aus dem Sofa nicht raus. Trotz Ata. Wer entscheidet, welches Problem wichtiger sei? Da ist Schlingensief bei Castorf angelangt, der einst Müllers "Schlacht" mit "Pension Schöller" verknüpfte, und siehe da: Ein Sprachfehner (die Fniege!) kann für einen Schauspieler das existenziellere Problem sein als der Ausbruch des Krieges. So ist die Welt. Und was heißt überhaupt Welt, Krieg. "Krieg ist da auf dem Sofa!" schreit Christoph, dorthin, wo Mutti und Vati sitzen.
Schlingensief baut dramaturgisch geschickt Sentenzen aus den tagelangen Seminaren zum Attaismus in sein Werk ein, er will alles vermeiden, was seine Kunst in einen Zweck, und sei der noch so human, einbinden könnte. Doch, ein Sinn wäre da: Sterbt nicht - erobert euer Grab!
Wo in der Realität auf jeder politischen, ideologischen Frontseite die jeweils einseitige Verwurstung der Welt betrieben wird, setzt Schlingensief auf den Terrorismus einer selbstbewussten Verschmutzung jedes Sinns, und dies just in der Rolle, die ihm zugewiesen ist. Dazu entschlossen, uns jeden vernünftigen Gedanken abzuschneiden, der unmittelbar nützlich in die Zeit zurückführt. Will er Hässlichkeit so unaushaltbar steigern, dass wenigstens der Traum von Schönheit als "Gegensinn" (Brock) im Theaterzuschauerkopf mitläuft? Das Hingucken als Prüfung, ob man noch weiß, was Vollkommenheit wäre? Wer's weiß, muss nicht zu Schlingensief. Wer's nicht weiß, kommt aber vielleicht nur dann drauf, wenn er sich vorher schlau liest.
Wir schauen auf keinen Provokateur, wir schauen in einen Sandkasten, in dem ein 42-Jähriger seine Gaga-Spielchen spielt und die Burka für Männer fordert. Spielen, suhlen, schmutzen - aus jenem einzigen Grunde, den Ästhetik-Professor Bazon Brock als "1001 Nacht"-Motiv bezeichnet: so lange der Erzähler fortfahre, wird er nicht geköpft. Also nicht zu erzählen aufhören, "bis ich mich vollständig verwandelt habe, in meine Erzählung. Das wäre der Augenblick, in dem ihr dann sagen müsstet: Jetzt ist er durchgedreht, jetzt ist er verrückt, jetzt ist er abgehoben, jetzt ist er gar nicht mehr in dieser Welt."
Blöd nur, dass wir in der Volksbühne sitzen. Sehr in dieser Welt. Vielleicht deshalb der zwar gutwillige, aber etwas müde Applaus. Nur wenige vorsichtige Bravos. Denn womöglich wird einem dabei in den Mund gekackt.

Weitere Aktionstage heute, am 31. Januar sowie am 1., 2. und 11. Februar.

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Interview zu ATTA-ATTA im Tageaapiegel vom 23.1.200

„Wer Kunst macht, wird so leicht kein Terrorist“

Heute hat in Berlin Christoph Schlingensiefs neues Politstück „Atta Atta“ Premiere. Ein Gespräch über Attentate und Avantgarde

Herr Schlingensief, die Volksbühne wirbt für Ihr neues Stück mit der Parole „Einfach mal richtig spinnen“. Lösen der Terrorismus und der drohende Krieg den Abwehrreflex aus, sich mit Dada-Strategien den Frontbildungen zu entziehen?

Dada ist Verzweiflung, sagt Peter Sloterdijk. Bei jedem Funken Hoffnung spüre ich eine Deregulation in meinem Hirn. Ich bekomme jetzt alle möglichen Anfragen, etwas gegen den Krieg zu unterschreiben. Da bekomme ich Hautausschlag, von diesen guten Menschen, die sich ihrer Gutheit versichern oder wie Konstantin Wecker nach Bagdad fahren, um für sich selbst Werbung zu machen. Das habe ich hinter mir. Aber zu sagen, wir wollen jetzt einfach nur spinnen und bekloppt sein, ist auch zu einfach. Susan Sontag war zu Besuch bei unseren Proben. Die ist jetzt in den USA Persona non grata, weil sie Stellung bezogen hat gegen die amerikanische Regierungspolitik nach dem 11. September. Aber ich muss jetzt kein Stück gegen den Krieg machen oder für den Krieg. In der Freiheit des Machens liegt die Verantwortung, die ich als Künstler habe und die Lust. Und die lasse ich mir nicht nehmen.

Sie haben zu den Proben prominente Kunsttheoretiker eingeladen. Boris Groys, Peter Sloterdijk und Peter Weibel haben Vorträge über Kunst und Terrorismus gehalten. Ist das die nächste Stufe im Diskurs-Theater: Terrorismus-Theorien als Spielmaterial?

Diese Theorien waren für unsere Arbeit nur der Bodensatz. Theorien sind immer sehr schnell unmusikalisch. Ich suche nach Noten und Rhythmen zu diesen Themen. Da ich ja vom experimentellen Film herkomme, hat mich immer die Phase zwischen den Bildern interessiert, und die ist dunkel! Attaismus ist die Summe aller Möglichkeiten, die frühere Kunstbewegungen offengelassen haben, sagt Weibel. Genau da liegt aber auch das Dilemma. Die 68er sagen, wir haben die Autos noch angesteckt, ihr redet nur darüber. Oder ein Künstler sagt, was ihr macht, habe ich auch schon mal gemacht. Da bleibt nicht mehr viel übrig. Eigentlich müsste man eine panislamische Bewegung gründen, in der vor allem eine Grundbedingung gilt, nämlich die Burka für den Mann. Das hat noch keiner gemacht. Es gibt unter Intellektuellen ein großes Bedürfnis, sich zum Terrorismus zu artikulieren. Nur im Theater ist das bisher praktisch nicht angekommen.

Claus Peymann hat „Nathan der Weise“ inszeniert, den Klassiker über religiöse Toleranz.

Das ist Kulturbetrieb. Es geht nur darum, dass das Konto wächst und dass man Erfolge vorweisen kann. Das ist kein Stück besser als bei Politikern. Nach der Bundestagswahl bekam ich einen Anruf aus dem Kanzleramt, wo es hieß, das war aber toll, die Aktion mit dem Möllemann...

Wo Sie vor Möllemanns Firma ein Happening veranstaltet und gerufen haben: „Ich schäme mich für Möllemann. Möllemann, ich verfluche dich.“

Plötzlich fanden die das toll im Kanzleramt. Aber erst nach der Wahl. Schröder sieht auf Fotos aus, als säße er im Führerbunker. Seine Firma hat Ladehemmung und Gehirnprobleme. Der größte Erfolg dieser Regierung ist das Dosenpfand. Obwohl mir die Grünen immer noch sympathischer sind als Möllemann oder Stoiber.

In dem Buch, das aus den Probengesprächen entstanden ist, nennt Boris Groys Osama Bin Laden einen global agierenden Videokünstler. Bazon Brock meint, der Versuch aller Aktionskünstler, nämlich „so zu leben, dass sich möglichst viele Menschen erzählend darauf beziehen“, sei am 11. September gelungen. Das klingt zynisch, ein Fall von Künstler-Narzissmus, in dem alles, auch das Schrecklichste, nur als Spiegel der Künstlers vorkommt.

Das Schlimme ist, dass es wirklich gelungen ist. Und das kann man analysieren. Der Zynismus liegt nicht in der Analyse. Genau an diesem Punkt geraten Carl Hegemann, der Volksbühnen-Dramaturg, und ich aneinander. Wenn mir Carl erzählt, der Einschlag des zweiten Flugzeugs ins World Trade Center hätte zwar alle Merkmale einer Kunstaktion gehabt, sei aber keine gewesen, sage ich sofort, ich mache hier eine StockhausenOper. Es geht immer um das Verhältnis zwischen Kunst und Wirklichkeit. Bei Niklas Luhmann gibt es eine Passage, die heißt: „Die andere Welt der Kunst kann nur dadurch kommunizierbar bleiben, dass man Referenzen auf unsere eingeübte Welt kappt. Und der Betrachter, der im Normalen zu Hause ist, ist raffiniert. Man muss ihm jeden Weg zurück in seinen Alltag versperren und jede Vermutung unterbinden, dass der Künstler anderes im Sinn hat, als das, was das Kunstwerk zeigt.“ Das ist die Souveränität des Künstlers, die leider nur im Raum der Kunst zur Entfaltung kommt. Der Einschlag der Flugzeuge in New York erinnert an die Wirkung der Dampflokomotive in der allerersten Kinovorführung. Die Zuschauer dachten, dass eine echte Dampflokomotive auf sie zufährt und sind aus dem Kino gerannt.

Mit dem Unterschied, dass in New York nicht nur Bilder produziert wurden, sondern Menschen starben. Gegen Baudrillards Zynismus, der alles nur noch auf einer Zeichen- und Symbolebene, als Kinobild wahrnimmt, hat Diedrich Diederichsen die trockene Formel gesetzt: „Das WTC hat es wirklich gegeben“.

Natürlich. Aber wir haben es alle nur im Fernsehen gesehen und sind trotzdem gerannt. Ich auch. In der Kunst kann man solche Reflexe vielleicht vermeiden. Wenn man in der so genannten normalen Welt einen Fehler macht, ist es immer ein Fehler. Wenn man als Künstler das Falsche tut, ist es oft genau richtig. In meiner Inszenierung taucht kein World Trade Center auf, kein Flugzeugangriff, kein Bin Laden, kein Bush. Es gibt verschiedene Kunstaktionen und mein Elternhaus mit Irm Hermann und Sepp Bierbichler als meine Eltern. Mein ewiger Kampf darum, zu Hause zu beweisen, dass ich nicht der bin, den Onkel Willy in mir sieht, nämlich den Hochverräter unseres ganzen Geschlechts, ist jetzt in eine Phase eingetreten, wo ich ihn auf die Bühne bringen muss. Wenn Hermann Nitsch haufenweise Tomaten zermatscht, spielen wir das nach. Das Gleiche machen wir mit Beuys und anderen. Man sieht Künstler auf dem Campingplatz bei der Arbeit, darauf reduziert sich die ganze Aktionskunst. Ich finde die überhöhten Erklärungen und Einordnungen lächerlich.Das Kunstwerk ist ganz einfach etwas Materielles, Geformtes an einem bestimmten Ort. Was darüber hinausgeht, sagt Groys, ist „Ideologie oder Politik oder Religion oder Hermeneutik“. Ich wohne gerne auf dem Campingplatz in meinem Wohnmobil. Am Campingplatz mag ich, dass man seine 20 Liter Scheiße alle drei Tage in so einem Plastikeimer wegbringen muss. Dabei trifft man dann den anderen, den man vorher im Pelzmantel oder in der Superskiausrüstung gesehen hat, wie er auch seine 20 Liter Scheiße zum Ausguss trägt.

Und in Ihrem Stück tragen Sie 40 Jahre Performance-Kunst zum Ausguss?

Ich spiele gerne einen, der scheinbar im Wahn mit Fett und Filz oder Blut und Gedärmen zweckfrei tätig ist. Und ich kümmere mich dabei weder um Originalitätszwang noch um Publikumswirkung. Es geht immer auch um das Beschmutzen von vorgegebenen Ordnungen. Ohne dass diese Beschmutzung etwas ändern würde. Meine Mutter würde sagen, weil der Abend ja dann doch auch etwas mit Mohamed zu tun hat, die Flecken kriege ich nie wieder aus dem Perser raus. Trotz Ata. Irm Hermann schlägt die Hände über dem Kopf zusammen, um sich von diesem Dreck zu befreien. Aktionskunst und Installationen von Paul McCarthy oder Damien Hirst haben etwas mit solchen Reinigungsritualen zu tun. Hier wird etwas durch die penetrante Wiederholung abgenutzt. Auch das ist musikalisch. Historisch fängt es etwa 1920 an mit Musik von Varèse, das geht dann bis zu Penderecki und Stockhausen oder einem Schuhplattler von Otto Mühl, pure Psychomotorik. Wer den Raum der Kunst benutzen kann, wird so leicht kein Terrorist. Das ist meine feste Überzeugung. In den arabischen Staaten gibt es kein System moderner Kunst.

Haben Sie Angst vor einem drohenden Krieg?

Ich habe mir nicht umsonst ein Wohnmobil gekauft. Ein hilfloser Fluchtversuch. Wir treten alle in die Kirche der Angst ein.